Die Krimipreisverleihung 2026 in Lausanne
Zum zweiten Mal in Folge arbeitet der Verein Krimi Schweiz mit dem Prix du polar romand zusammen, um die bedeutendsten Auszeichnungen für deutsch- und französischsprachige Schweizer Kriminalliteratur zu verleihen. Mit den beiden Preisen soll die vielfältige Schweizer Krimiszene gestärkt und insbesondere die zahlreichen engagierten Verlage gefördert werden, die das Genre mit grossem Einsatz prägen. Gleichzeitig möchten die Auszeichnungen die Lust am Lesen spannender, zugänglicher und literarisch hochwertiger Kriminalromane wecken. Diese Bücher sollen ein breites Publikum begeistern und die Aufmerksamkeit für Schweizer Kriminalliteratur weiter erhöhen.
Die Schweizer Krimipreise sind jeweils mit 5.000 CHF dotiert und setzen bewusst auf den kulturellen und sprachlichen Austausch zwischen den verschiedenen Landesteilen. Die Bekanntgabe der fünf Finalistinnen und Finalisten beider Sprachregionen erfolgt Anfang Juli. Die Preisverleihung findet am 25. September im Rahmen einer öffentlichen Zeremonie in Lausanne statt, wo die Gewinnerinnen und Gewinner offiziell bekanntgegeben werden.
Die Schweizer Krimipreise werden jährlich verliehen. Lausanne ist dabei im Zweijahresrhythmus Gastgeberstadt der Preisverleihung.
Ort der Preisverleihung 2026:
Opéra de Lausanne, Av. du Théâtre 12, 1005 Lausanne
Wann:
25. September 2026, 20Uhr
Die deutschsprachige Jury setzt sich wie folgt zusammen:
- Alexander Niemetz ist ein Schweizer Journalist, Moderator, Publizist und Kommunikationsexperte. Nach dem Studium der Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin arbeitete er zunächst als Korrespondent für Schweizer Zeitungen, bevor er 1979 zum ZDF wechselte. Dort war er unter anderem Chef vom Dienst der Hauptredaktion „Aktuelles“ sowie fast zehn Jahre stellvertretender Leiter und Moderator des „heute-journals“. Zudem berichtete er als Chefreporter intensiv aus dem Nahen Osten. Seit 2001 ist Niemetz als freier Publizist, Moderator und Mediencoach tätig und berät Spitzenpolitiker sowie Top-Manager in Kommunikationsfragen. Bekannt wurde er auch als TV-Coach von Angela Merkel, die er 2005 auf das Fernsehduell gegen Gerhard Schröder vorbereitete, indem er ihren erklärenden Stil in prägnante, kurze Botschaften übersetzte. Seine Erfahrungen aus Politik, Wirtschaft und internationalen Krisenregionen verarbeitet er in Büchern, Kolumnen und Vorträgen.
- Yolanda Hufschmid (bekannt als Buchbloggerin: Kiki) ist eine leidenschaftliche Leserin, die schon seit ihrer Kindheit nur zu gerne in verschiedene Geschichten abtaucht. Ihre Leseliebe zu verschiedenen Genres teilt sie auf ihrem Instagram-Blog „kikisbooklove“ und liebt den Austausch mit ihrer Community. Auch offline besucht sie regelmässig ihren Buchclub in Bern, mit tollen Diskussionen und Buchentdeckungen. Seit 2007 lebt sie in der schönen Schweiz, ist verheiratet und hauptberuflich persönliche Assistentin ihrer beiden Katzen Balu und Alani.
- Andreas Peter Heinzer wuchs mit sieben Brüdern in Ibach auf. Nach der Schule absolvierte er eine Lehre als Werkzeugmacher und besuchte anschließend die Polizeischule. Es folgte eine 37-jährige Karriere bei der Polizei, unter anderem 14 Jahre als Einzelstationierter im Muotathal, sechs Jahre bei der Sicherheitspolizei in Schwyz sowie 14 Jahre als Verkehrsinstruktor und Schulpolizist. Nebenamtlich leitete er die Alpingruppe der Polizei und war für Einsätze und Ermittlungen bei Berg-, Kletter- und Lawinenunfällen zuständig. 2020 ging er in Frühpension. Heute ist er weiterhin aktiv als stellvertretender Wildhüter und Fischereiaufseher im Kanton Schwyz. Heinzer ist verheiratet, Vater von vier Kindern und Großvater von sechs Enkelkindern. Seine große Leidenschaft gilt den Bergen: Er ist Bergsteiger, Jäger, Fischer, Kunsthandwerker sowie Natur- und Wildfotograf. Außerdem liest er seit seiner Kindheit begeistert und regelmäßig mehrere Bücher pro Woche.
- Kerstin Weinmann ist eine begeisterte Leserin und seit 2022 als Buchbloggerin mit ihren Buchrezensionen auf Social Media aktiv. Einen besonderen Fokus legt sie auf literarische Veranstaltungstipps. Zudem ist sie für Social Media für den Knapp Verlag verantwortlich.
- Karen Heidl ist Journalistin und Buchhändlerin in Ascona. Sie führt die traditionsreiche Libreria della Rondine (https://de.wikipedia.org/wiki/Libreria_della_Rondine) in der Casa Serodine mit Antiquariat und Veranstaltungsprogramm. Zuvor war sie als Verlagsmanagerin in Deutschland und in der Schweiz tätig. Neben ihrer Arbeit im Buchhandel publiziert sie zu Themen aus Gesundheit, Management und Digitalisierung und organisiert Lesungen im regionalen Kontext.
Die französischsprachige Schweizer Jury, koordiniert von Fanny Meyer (Delegierte für Buchpolitik), setzt sich wie folgt zusammen:
- Stéphanie Berg. Mit 20 Jahren Erfahrung im Buchhandel pflegt sie eine langjährige Leidenschaft für Kriminalromane und begleitet diesen Preis seit seinen Anfängen. Mit dem Blick einer Fachfrau und begeisterten Leserin wählt sie jedes Jahr die Perlen dieses Genres aus.
- Sébastien Dyens. Er trat 1998 in die Polizei von Lausanne ein, wechselte 2006 zur Kriminalpolizei und 2009 zur Drogenfahndung, deren Leitung er 2019 übernahm. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Zu seinen Leidenschaften zählen Sport, Musik und Lesen im Allgemeinen, mit einem besonderen Interesse für den amerikanischen Noir-Roman, von Dashiell Hammett bis James Ellroy, ein literarisches Genre, das eng mit dem Kriminalroman verbunden ist. 2020 trat er der Jury des Prix du polar romand bei, in die er insbesondere seine berufliche Erfahrung einbringt.
- Francine Cellier. Seit über 45 Jahren ist sie in verschiedenen Bereichen der Buchbranche tätig, im Buchhandel, in der Buchvertretung sowie in der Organisation literarischer Festivals und engagierte sich zudem zehn Jahre lang ehrenamtlich für einen Verlag. Sie setzt sich freiwillig im Verein Temple du polar ein und organisiert literarische Begegnungen. Seit sehr langer Zeit liest sie daher Kriminalromane, aber auch zeitgenössische Literatur.
- Sonia Charruau. Seit 25 Jahren arbeitet sie für die Stadt Lausanne. Als stellvertretende Leiterin des Dienstes BAVL hat sie im Alltag keinen direkten Kontakt zu Büchern, sondern beschäftigt sich vor allem mit der administrativen und finanziellen Betreuung des Dienstes sowie mit der Planung und Umsetzung neuer Projekte. Privat faszinieren sie seit jeher Geheimnisse und kriminelle Intrigen – Krimis liest sie, wie andere Ermittlungen führen. Als Mitglied dieser Jury sucht sie nach gut aufgebauten Geschichten, in denen jedes Indiz zählt und sich die Wahrheit erst auf der letzten Seite offenbart.
- Christian Zutter. Am Tag seines 26. Geburtstags Abreise als Delegierter des IKRK an die Front des Iran-Irak-Konflikts. Anschließend 10 Jahre humanitäre Einsätze in Konfliktgebieten in Afrika und Mittelamerika sowie Einsätze am Hauptsitz in Genf. Ab 1995 Protokollchef der Stadt Lausanne, von 2012 bis 2016 Stadtschreiber, 2020 mit 62 Jahren vorzeitig in den Ruhestand getreten, am Vorabend des Covid-Lockdowns. Präsident des Vereins Lausan’noir und seit dessen Anfängen Jurymitglied des Prix du polar romand.
Die Nominierten 2026 - Deutschschweiz
Stefan Györkes «Tizianas Rosen» ist ein origineller, dicht erzählter Kriminalroman, der von Beginn an ein raffiniertes Spiel mit Schuld und Unschuld entfaltet. Die Handlung entwickelt sich schnell, bleibt dabei jedoch psychologisch fein gearbeitet. Ihre Figuren bewegen sich geheimnisvoll durch das Geschehen, geben immer nur so viel von sich preis, wie es der sorgfältig inszenierte Spannungsaufbau verlangt. Gerade diese Ungewissheit verleiht dem Roman seinen besonderen Sog.
Györke erzählt in einer intelligenten, griffigen Sprache, die ohne Umwege auskommt und dennoch Raum für Zwischentöne lässt. Kulturelle Gegensätze und unterschiedliche Wertvorstellungen sind nicht bloss Kulisse, sondern prägen die Wahrnehmung der Personen und ihrer Motive. Besonders gelungen ist die fragile Balance zwischen Verdacht und Gewissheit: Was zunächst eindeutig erscheint, wird immer wieder infrage gestellt. Auch die ungewöhnliche Symbolik des Mordgeschehens fügt sich wirkungsvoll in die Geschichte ein. Ein überraschender Twist setzt schliesslich einen überzeugenden Schlusspunkt unter diesen gekonnt komponierten, eigenwilligen Krimi.
Kiara
Kerns «Und mittendrin die Limmat» ist ein psychologisch spannend konstruierter Kriminalroman, der eine
zurückliegende Tragödie mit ihren bis in die Gegenwart reichenden Folgen
verknüpft. Traumatisierungen, verdrängte Erinnerungen und Schuldgefühle
bestimmen das Handeln der Figuren und lassen die Grenzen zwischen Schuld und
Unschuld zunehmend unsicher erscheinen. Zugleich thematisiert der Roman Mobbing
und Ausgrenzung unter Jugendlichen, das Wegsehen der Erwachsenen sowie die
Frage, welche Verantwortung Lehrpersonen und die Institution Schule tragen. Besonders
überzeugend ist der sorgfältige Aufbau: Verschiedene Zeitebenen, Perspektiven
und Erzählstränge ergänzen sich schlüssig und enthüllen nach und nach, wie eng
Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbunden sind. Die psychologischen
Zusammenhänge sind klug komponiert und verleihen der Geschichte eine
bemerkenswerte Tiefe. Zugleich sorgen das hohe Tempo, überraschende
Entwicklungen und eine Priese schwarzer Humor für Spannung und Leichtigkeit. So
entsteht ein fesselnder Krimi mit beträchtlichem Suchtpotenzial, der nicht nur
durch seine Handlung, sondern ebenso durch seine vielschichtigen Figuren und
seine präzise Konstruktion überzeugt.
Annemarie
Regez verbindet in «Tod
im Camper» eine fesselnde Kriminalhandlung mit psychologischem Gespür und
sorgfältig recherchierten historischen Hintergründen. Mehrere Handlungsstränge
greifen schlüssig ineinander und erzeugen einen Spannungsbogen, der nicht
allein von überraschenden Wendungen lebt, sondern vor allem von den düsteren
Geheimnissen und kunstvoll errichteten Lügengebäuden seiner Figuren. Dabei
wirken die Charaktere glaubwürdig und lebensnah: Sie tragen persönliche
Verletzungen, Widersprüche und verborgene Interessen mit sich, ohne zu blossen
Funktionsträgern der Handlung zu werden.
Regez kennt
zudem die gesellschaftliche Wirklichkeit des Tessins genau. Überzeugend
zeichnet sie eine Grenzregion, in der schweizerische und italienische
Lebenswelten ineinandergreifen und Tessinerinnen und Tessiner, Menschen aus
Italien sowie Zugezogene aus der Deutschschweiz aufeinandertreffen. Kulturelle
Unterschiede, gegenseitige Zuschreibungen und unterschwellige Spannungen
fliessen dabei selbstverständlich in die Handlung ein. Besonders überzeugend
ist, wie die Autorin vergangene Ereignisse in die Gegenwart hineinwirken lässt
und historische Zusammenhänge zum wesentlichen Bestandteil der Ermittlungen
macht. Ihre klare, sorgfältige Sprache führt sicher durch die verschiedenen
Ebenen des Romans. Ein Schuss lästerlicher Ironie lockert die Atmosphäre auf,
ohne die ernsten Themen zu verharmlosen. So entsteht ein klug gebauter,
psychologisch stimmiger Tessin-Krimi, der Spannung mit historischem und
gesellschaftlichem Tiefgang verbindet.
Regionaler
kann ein Krimi kaum sein: Wolfgang Bortlik verankert «Die drei schönsten
Toten von Basel» tief in der Stadt, ihrer Geschichte und vor allem ihrer
Fasnachtstradition. Die Verbundenheit mit Basel ist auf jeder Seite spürbar,
wirkt jedoch nie wie blosses Lokalkolorit. Historische Hintergründe und die
besonderen Rituale der Fasnacht sind eng mit der Handlung verwoben und
verleihen dem Roman eine unverwechselbare Atmosphäre.
Dabei
überzeugt Bortlik mit glaubwürdigen Figuren, die genau beobachtet und lebensnah
gezeichnet sind. Ihre Eigenheiten, Beziehungen und persönlichen Interessen
fügen sich stimmig in das vielschichtige Basler Umfeld ein. Auch Schauplätze,
Milieus und lokale Gepflogenheiten werden mit grosser Genauigkeit dargestellt,
ohne den Erzählfluss zu bremsen. Trotz der starken regionalen Prägung bleibt
der Roman vor allem ein spannend zu lesender Krimi - eine unterhaltsame und
kenntnisreiche Hommage an Basel.
In Marianne
Feders Kriminalroman «Die Kur. Rabbi Elis zweiter Fall» steht eine
unkonventionelle Ermittlerin im Zentrum, die sich weder von Autoritäten noch
von gesellschaftlichen Erwartungen einschüchtern lässt. Rabbi Eli ist eine
starke, aufgeklärte und kluge Frau: intellektuell ebenso überzeugend wie
spirituell, selbstsicher und sich ihrer persönlichen Ausstrahlung durchaus
gewiss. Ihre riskanten Nachforschungen führen sie in ein Geflecht aus
Abhängigkeiten, verdrängten Wahrheiten und subtiler Manipulation.
Besonders
eindrucksvoll sind Feders profunde Kenntnisse der Theorie und Geschichte der
Psychotherapie. «Die Kur» zeigt eindrucksvoll, wie therapeutische Autorität
entsteht, Deutungshoheit missbraucht und vermeintliche Hilfe zum Instrument der
Kontrolle werden kann.
Zugleich
vermittelt Marianne Feder ein modernes, liberales und vielschichtiges Bild
jüdischen Lebens, das sich deutlich von den konfliktdominierten Bildern vieler
Nachrichtensendungen unterscheidet. Kulturelle und historische Hintergründe
verbinden sich mit einem leichten Zug ins Absurde zu einer ebenso
unterhaltsamen wie anspruchsvollen Geschichte. Gerade in einer Zeit, die sich
verstärkt mit Antisemitismus auseinandersetzen muss, ist dieser scharfsinnig
gemachte Krimi von besonderer Aktualität.
Die Nominierten 2026 - Französische Schweiz